Valider Code ist nicht alles

von timo / 2. Juli 2007

Im aktuellen Entwurf der WCAG 2.0 fehlt weiterhin — wie kontrovers diskutiert wird — die Vorschrift, dass der Code validieren muss. Stattdessen gibt es eine recht umständlich formulierte Richtlinie, die vorschreibt, semantisches HTML zu verwenden:

1.3.1 Info and Relationships: Information and relationships conveyed through presentation can be programmatically determined or are available in text, and notification of changes to these is available to user agents, including assistive technologies. WCAG 2.0

G115: Using semantic elements to mark up structure and H49: Using semantic markup to mark emphasized or special text (HTML) WCAG 2.0 Quick Reference

Ist das schlimm? Kommt auf die Perspektive an. Denn eigentlich ist die Anforderung “verwende semantisches HTML” viel härter als die Anforderung “verwende valides HTML”. Bedeutungsvolles (semantisches) HTML zu schreiben ist die eigentliche Herausforderung bei der Entwicklung von hochwertigen und gut zugänglichen Websites.

Eine Website kann durchaus validieren und trotzdem nicht barrierefrei, plattformunabhängig, suchmaschinenfreundlich und zukunftsfähig sein.

So kann z.B. eine Website, die keine Überschriften oder Listen-Elemente verwendet, beim W3C-Validator prima abschneiden. Eine Website hingegen, die eine durchdachte Überschriften-Hierarchie verwendet und Listen geschickt einsetzt, fällt formal durch, weil sie ein leeres <span> beinhaltet.

Bei Barrierefreiheit geht es in erster Linie nicht um Validität, sondern um Zugänglichkeit. Ähnlich bei Webstandards. Hier geht es auch in erster Linie nicht um Validität, sondern um Qualität. Webstandards sind Techniken und Qualitätsrichtlinien, die nicht allein per Code-Validierungsprogramm maschinell überprüft werden können.

It is the idea of quality, not standardization, which provides the compelling argument for the Web Standards Project and for the W3C. Web Standards: it’s about quality, not compliance

Eine valide Website zu gestalten ist einfach. Nur die Formalien müssen stimmen. Alles muss richtig geschrieben sein. Alle Tags müssen an der richtigen Stelle auf und zu gehen. Ob allerdings der Code sinnhaft oder elegant geschrieben ist, ist völlig egal.

Eine semantische Website zu gestalten ist hingegen schwierig. Der Code muss bedeutsam strukturiert sein. Es müssen die HTML-Elemente verwendet werden, die den Inhalt am besten beschreiben. Stil und Grammatik sind hier maßgeblich, nicht nur die Rechtschreibung.

Es gibt also keinen Grund zu jammern, dass im WCAG2 keine Regel steht die lautet: “XHTML and CSS has to be valid” oder in W3C-Sprache “create documents that validate to published formal grammars.”

Die Richtlinie, die im aktuellen Entwurf der WCAG2 steht, ist viel anspruchsvoller als eine reine Validierungsrichtlinie.

Eins noch zum Schluss: Das soll nicht heißen, dass Websites nicht validieren sollten. Das sollten sie sehr wohl. Aber: Valider Code ist nicht alles und macht nur einen kleinen Teil einer qualitativ hochwertigen Website aus.

13 Kommentare »

  1. »4.1.1 Parsing: Content implemented using markup languages has elements with complete start and end tags, except as allowed by their specifications, and are nested according to their specifications. (Level A)«

    Quellenangabe: http://www.w3.org/TR/2007/WD-WCAG20-20070517/#robust

    Comment von /T — 03.07.2007, 07:50 Uhr

  2. Danke T für den Hinweis
    Wirft diese Richtlinie nicht noch mehr Fragen auf?
    - Ist Validität nicht mehr als richtig geschlossene Tags?
    - Warum trauen sie sich nicht validen Code zu schreiben?

    Patrick H. Lauke drückt dies ziemlich treffend aus:

    “on the issue of “having complete start and end tags” … that whole thing just sounds awkward in the guidelines. you can tell they tried to carefully pussy-foot around the issue without saying “valid” … but by doing so, they’ve come up with something that seems very (X)HMTL specific. what i’ll be proposing is something more along the lines of: “must be well formed and follow the language’s syntax rules” (as “well formed”, i.e. following syntax, does not necessarily mean “valid”).”

    mehr zur wcag2-Validitäts-Diskussion bei Accessites.org:
    WCAG 2.0: Woeful to Wonderful in One Easy Draft?

    Comment von timo — 03.07.2007, 09:04 Uhr

  3. > Warum trauen sie sich nicht validen Code zu schreiben?

    Weil die WCAG 2.0 »technology neutral« sein sollen und nicht alle potenziellen Anwendungen der Richtlinien kennen überhaupt das Konzept der Validität oder haben Validatoren. Wenn das da drin stände, dann wär’s doch wieder nur ne HTML-Richtlinie, und die gibt’s ja bekanntlich schon (->WCAG1.0)

    Comment von /T — 04.07.2007, 18:49 Uhr

  4. Tja, ist anspruchsvoller, aber hier in Deutschland haben wir noch das Problem des formal korrekten Codes noch nicht im Griff und dann wollen die gleich soweit hinaus?

    Allerdings ist mir kürzlich auch bei einem Projekt im Markup die Subnavi über die Hauptnavigation gerutscht, wodurch die Seite bei abgeschalteten CSS sehr unlogisch strukturiert gewesen wäre. Validation war kein Problem, jedoch in einer besinnlichen Minute kam mir, dass ich unmöglich so eine Codestruktur noch mit dem Siegel barrierearm an den Kunden weiterreichen kann und habe die Seite nochmal umstrukturiert - Ein Programm könnte mir die Schwäche im Markup wohl kaum nachweisen - der Mensch macht’s

    Comment von Benjamin — 07.07.2007, 22:26 Uhr

  5. Hier ein sehr guter Link zu Thema Webstandards:
    http://www.philipphauer.de/info/webdesign/webstandards/

    Comment von Albert — 04.10.2007, 19:06 Uhr

  6. Sehr interessanter Beitrag, dem ich nur zustimmen kann. In meinen Augen kann valider Code nur ein erster Gradmesser - eine Richtschnur - darstellen, der nicht der alleinige Heilsbringer sein wird. Natürlich sollte man nach Möglichkeit seine Webseiten validieren, das Thema semantisches Web beginnt dann aber erst und bedeutet - wenn man das Ganze ernsthaft betreibt - einen nicht zu verachtenden Zusatzaufwand. Ich denke aber, dass sich dieser Aufwand mittel- und langfristig lohnen wird.

    Comment von willky — 24.12.2007, 09:36 Uhr

  7. Hallo,

    Barrierefreiheit lässt sich gewissermassen auch validieren. :D
    Der “Qualidator” macht sowas: http://www.qualidator.com

    MFG
    [ASTERIX]

    Comment von [ASTERIX] — 29.12.2007, 18:43 Uhr

  8. @ [ASTERIX]: Danke für den Link - wirklich sehr aufschluss- und hilfreich.

    Comment von Computer Freak — 20.01.2008, 18:09 Uhr

  9. Hallo.

    Ich habe diese Seite vor einiger Zeit schon gefunden als ich nach Texten zu Standart, Validität und Semantik suchte und ich war sehr begeistert, als ich deine/eure Beiträge las.
    Jetzt habe ich den RSS schon genau so lange abonniert und muss leider immer wehmütiger mitansehen, wie er sich gar nicht verändert.

    Habt ihr die Seite aufgegeben?
    Oder ist das nur ein Nebenprojekt, für das keine Zeit bleibt?

    Ich würde es sehr begrüssen, wenn du/ihr weitermacht und hier und da mal einen Post bringt.

    MfG
    Thorsten Schmitz

    Comment von Thorsten Schmitz — 22.04.2008, 07:23 Uhr

  10. Hallo
    Ein wirklich interessanter Artikel, ich persönlich bin der Meinung das valides HTML einfach Grundvoraussetzung ist für alles andere. Im Grunde genommen ist es doch so: HTML ist keine Programmiersprache, HTML wird einfach “geschrieben” genauso wie dieser Beitrag verfasst wurde. Hierbei achtet der Autor ebenfalls auf eine korrekte Rechtschreibung. Wenn man so will ist die “Rechtschreibung für HTML”, die Validität oder andersherum die Rechtschreibprüfung in einem Text der Validator.

    Dann noch mal danke an Asterix für den coolen Link mit dem “Qualidator” obwohl ich jetzt dadurch einen Haufen Mehrarbeit habe ;-)

    Für alle die schon immer mal wissen wollte wie Ihre Webseite in einem anderen Browser aussieht hätte ich da noch den “Totalvalidator”
    http://www.totalvalidator.com/validator/ValidatorForm einfach den gewünschten Screenshot auswählen und ansehen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Henri Burmeister

    Comment von Henri Burmeister — 25.06.2008, 08:26 Uhr

  11. Guter Beitrag,
    ich denke jedenfalls dass die Validität mit Semantik einhergeht. Wer semantisch auszeichnen möchte wird im Grunde dazu genötigt sich die entsprechend Validitätsregeln anzueignen um Listen & Co korrekt verwenden zu können.

    Meiner Meinung nach sind beide Punkte zuberücksichtigen.

    Grüße,
    David Querg

    Comment von David Querg — 27.08.2008, 15:02 Uhr

  12. Guter Artikel, leider nutzen nur relativ wenig Entwickler Standards. Auch die Suchmaschinen berücksichtigen aus meiner Sicht zu wenig Standards, Semantik etc.

    Comment von Sebastian Keitel — 25.03.2009, 13:05 Uhr

  13. echt guter Eintrag! Ich bin begeistert von deinen Beiträgen

    Comment von arbeitsbühnen ausbildung — 29.04.2011, 09:03 Uhr

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