Accessibility - Mythen und Möglichkeiten
Es gibt keinen Grund, keine barrierefreie Website zu bauen. Fünf Mythen, die viele davon abhalten, werden hier entlarvt.
- Mythos 1: Accessibility ist nur für Behinderte
- Mythos 2: Barrierefreie Websites sind langweilig und unattraktiv
- Mythos 3: Große kommerzielle Sites können nicht barrierefrei sein
- Mythos 4: Eine Nur-Text-Version ist barrierefrei
- Mythos 5: Accessibility ist teuer und aufwendig
Einleitung: Menschen im Internet
Wir wollen nicht über Behinderte reden. Auch nicht über User. Oder über Quellcode. Oder über die zunächst etwas seltsam anmutende deutsche Übersetzung “Barrierefreiheit”. Auch nicht über Statistiken oder Gesetze für barrierefreie Websites, wie die BITV (Barrierefreie Informations-Technik Verordnung), die in Deutschland ab 2005 für Websites öffentlicher Einrichtungen gilt. Auch nicht darüber, dass Accessibility zum neuen Modewort für Agenturen geworden ist, und sich dahinter oftmals nicht viel verbirgt.
Es soll vor allem um Menschen gehen. Um normale Menschen, die im Internet surfen. Wie:
- Niki, 34, Webmaster, Comic-Texter und Star-Wars-Fan
- Er hielt 1999 das Internet für die wichtigste Errungenschaft der Menschheit seit dem Feuer. Er geht nach wie vor mit einem 56kb-Modem online, denn er wohnt in Berlin Mitte. Dort ist DSL wegen moderner Glasfaserleitung nicht verfügbar. Zum Glück arbeitet er bei einem Internet-Unternehmen und kann sich dort die neuesten Underground-Filmtrailer herunterladen.
- Herbert, 53, Automechaniker-Meister
- Seit neuestem braucht er eine Brille zum Zeitungslesen, die er aber nur selten aufzieht. Er hält lieber die Zeitung ein Stück weg. So kann er alles entziffern. Als vor einigen Jahren alle Betriebe mit Windows NT vernetzt wurden, hatte er Albträume. Seit einer Weile ist er von Ebay fasziniert und vervollständigt mit Auktionen seine 40 Jahre alte Fleischmann-Modeleisenbahn.
- Tania, 23, Statistik-Studentin
- Sie spielt leidenschaftlich gerne nächtelang textbasierte Online-Strategie-Spiele. Sie steht auf Hörspiele und Audiobooks. Neulich hat ihr Gespartes endlich gereicht und sie hat sich einen iPod der vierten Generation gekauft, der über eine Sprachausgabe verfügt. Denn seit ihrem siebten Lebensjahr ist Tania blind.
Gemeinsam mit Niki, Herbert, und Tania wollen wir jetzt Accessibility-Mythen aufdecken.
Mythos 1: Accessibility ist nur für Behinderte
The power of the Web is in its universality. Access by everyone regardless of disability is an essential aspect.
- Tim Berners-Lee, Web-Erfinder und Direktor des W3C
Das World Wide Web wurde Anfang der Neunziger-Jahre von Tim Berners-Lee als universelles Medium konzipiert. In seiner Definition vom World Wide Web steckt die Definition von Accessibility mit drin. Accessibility heißt: Die Website hat keine Zugangshürden und ist somit barrierefrei gebaut:
- jeder hat Zugang
- unabhängig von körperlichen Einschränkungen
- alle profitieren
Wie alle von einer barrierefreien Bauweise profitieren können, zeigt ein Offline-Beispiel: Der S-Bahn-Aufzug
Bei einer U- oder S-Bahn ist die behindertenfreundliche Bauweise für Menschen mit körperlichen Behinderungen unverzichtbar. Nur so erhalten sie überhaupt Zugang.
Doch für Nicht-Behinderte bringt der Aufzug: Zeitersparnis, Komfort und Spaß. Aufzüge werden vornehmlich von körperlich nicht-behinderten Menschen genutzt.
Das gleiche gilt auch im Internet: Barrierefreiheit ermöglicht körperlich eingeschränkten Personen überhaupt erst Zugang zu Informationen, Chatrooms, Foren oder Shopping-Sites. Barrierefreiheit bedeutet für sie damit: Freiheit und Unabhängigkeit.
Allen anderen bietet eine barrierefrei gebaute Website Schnellwege, mehr Übersichtlichkeit, bessere Lesbarkeit. Barrierefreiheit bedeutet für sie damit: mehr Komfort oder mehr Usability.
Beispiel 1: Navigieren per Tastatur
Shortcuts sind aus Word und Photoshop bekannt: Zum Speichern kann man Strg S drücken, statt das Speichern-Icon zu verwenden. Mit Hilfe von Tastatur-Shortcuts werden Arbeitsschritte beschleunigt und Navigationswege verkürzt. Mit Accesskeys sind Shortcuts auch auf Websites möglich.
Herbert konnte sich mit der Maus noch nie anfreunden, millimetergenaues Justieren des Mauszeigers und Klicken fällt ihm schwer und nervt ihn, obwohl er seit seiner Jugend auf den Millimeter genau schweißen und löten kann. Tasten sind vertrauter und solider.
Accesskeys lohnen sich doppelt: Viele User, besonders Computer-Neulinge und ältere Menschen haben oft Probleme mit der Maus. Profi-Nutzer, die mit der Website vertraut sind, und diese möglicherweise täglich nutzen oder mit ihr arbeiten, sind mit Tasten viel schneller.
Beispiel 2: Title-Texte
Das Ursprungs-Problem eines Hypertexts ist die Frage “Wohin führt dieser Text-Link?”. Welche Information steht dahinter? Gelange ich auf eine fremde Website oder bleibe ich in diesem Angebot?
Title-Texte können das Problem lösen und Besuchern beim Orientieren unterstützen. Fährt man mit der Maus über einen Text-Link, klappt ein Tooltip aus, der den Textlink erklärt und Informationen über das Zieldokument geben kann.
Niki, der mit 56K-Modem ins Netz geht, ist wegen der langen Ladezeiten bei jedem falschen Klick genervt.
Tania bekommt von ihrem Screenreader die Title-Texte mit vorgelesen und weiß so oftmals überhaupt erst, was der Link zu bedeuten hat. Links, die nur “mehr” oder “Klicken Sie hier” lauten, machen ihr Probleme.
Mit Title-Texten kann man allen Besuchern einer Website mehr Information geben.
Beispiel 3: Variable Schriftgröße
Das Web bietet im Gegensatz zu anderen Medien, den Vorteil, dass man die Schriftgröße den eigenen Bedürfnissen entsprechend einstellen kann: Ältere Menschen haben mit kleiner Schrift oft Probleme. Müde Augen präferieren eine leicht vergrößerte Schrift. Eine entspannte Sitzposition - ein Stück vom Bildschirm weg - lässt sich bei größerer Schrift leichter einnehmen.
Viele Webdesigner haben aus Unachtsamkeit oder Kontrollwahn diese Ur-Funktionalität durch eine fest definierte Schriftgröße abgestellt. Aufgrund der unterschiedlichen Verhaltensweisen und der Beschränkungen älterer Browsergenerationen blieb ihnen oftmals auch nichts anders übrig. Mit dem modernen und überlegten Einsatz von Stylesheets hat man viele Möglichkeiten eine Website flexibel und bedürfnisorientiert zu gestalten, ohne auf ein ausgewogenes Schriftenverhältnis verzichten zu müssen.
Für Herbert wird Surfen jetzt einfacher als Zeitungslesen, denn seine Lesebrille liegt meistens im Auto. Im Internet kann er sich die Schrift ganz einfach größer stellen.
Beispiel 4: Schnelle Ladezeiten
Eine barrierefreie Website gestaltet mit Webstandards lädt sehr viel schneller als herkömmliche Websites: Die Datei-Größe wird in etwa um 50 Prozent reduziert. Tabellen und Tabellenverschachtelungen, welche die Ladezeit erheblich verzögern, fallen ebensfalls weg.
Das freut alle. Denn lange Ladezeiten sind Frustrationsfaktor Nummer eins im Internet, egal ob die Menschen mit Modem oder per DSL online gehen.
Fazit
Im Unterschied zu sehr teuren und zeitaufwendigen Nachrüstungen und Umgestaltungen bei Gebäuden, ist im Internet eine barrierefreie und benutzerfreundliche Bauweise relativ schnell und leicht zu leisten.
Mythos 2: Barrierefreie Websites sind langweilig und unattraktiv
Websites können für Blinde oder Textbrowser voll zugänglich sein, aber am Bildschirm opulent und eindrucksvoll aussehen.
Niki mag es, bei Programmen wie Winamp, Firefox oder Thunderbird Skins und Themes auszuwählen. Er wechselt je nach Lust und Laune das Aussehen. Bei barrierefreien Websites kann er das jetzt auch.
Beispiel Zen Garden: Eine Website mit immer gleicher Information in ganz verschiedenen Designs. Im Quellcode muss nichts geändert werden - dort befinden sich nur strukturierte Informationen. Das Design wird über externe Stylesheets gesteuert. So kommt es zu immer neuen Varianten.
CSS Zen Garden. The Road to Enlightenment. A demonstration of what can be accomplished visually through CSS-based design.
- Dave Shea. CSS Zengarden
Mittlerweile gibt es schon über 470 Zen Garden Varianten.
Schöne Zen Garden Varianten
Mythos 3: Große kommerzielle Sites können nicht barrierefrei sein
Die Mehrheit der großen Website-Betreiber denken immer noch, Accessibility sei ein Randgruppen-Thema. Es wäre schön barrierfrei zu sein. Doch hat man mit dem Redaktionssystem, dem Ad-Server und den zahlreichen Serverapplikationen schon genügend Probleme. Da braucht man kein zusätzliches. Man muss es wohl akzeptieren, große Websites können nicht barrierefrei sein.
Dass das Gegenteil richtig ist, zeigen viele Beispiele:
- Disney Shop: Bunt und verspielt und trotzdem barrierefrei seit Ende September 2004.
- tagesschau.de ist seit November 2004 weitgehend barrierefrei - Online-Nachrichten sind so für alle leichter zugänglich
- Postbank: Im Gegensatz zur Citibank, die Firefox-User ausschließt, setzt die Postbank seit Herbst 2004 auf den Komfort von Barrierefreiheit. Das Angebot erhielt im Dezember 2004 den BIENE-Award in Gold.
Eine barrierefreie Website stellt somit kein Extra-Problem dar - im Gegenteil sie räumt viele Probleme, die man mit einer herkömmlich gebauten Website hat, so ganz nebenbei aus dem Weg. Gerade bei großen Websites wirken sich die Vorteile besonders stark aus. Und es werden besonders viele Besucher glücklich gemacht.
Mythos 4: Eine Nur-Text-Version ist barrierefrei
Eine Nur-Text-Version bedeutet zunächst mehr Aufwand. Eine weitere Applikation muss eingerichtet und gepflegt werden. Behinderte werden durch den Hintereingang reingeschleust. Bei einer modernen Website ist eine Nur-Text-Version schlichtweg unnötig. Denn eine barrierefreie Website kann trotz attraktivem visuellen Design alle ihre Informationen auf Screenreader, Handys oder Palms übertragen.
Möglich wird das:
- durch flexible Gestaltung ohne Tabellen
- einem Code nach Webstandards (basierend auf XHTML und Stylesheets)
- durch die Trennung von Inhalt und Design
Ein Dokument befriedigt alle individuellen Bedürfnisse und bedient alle internetfähigen Endgeräte.
Neben Tania mit ihrem Screenreader, Niki, der einen Palm besitzt, ist auch Google froh. Denn Google ist der einflussreichste blinde User. Folge: Barrierefreie Websites können besser und schneller indexiert werden.
Mythos 5: Accessibility ist teuer und aufwendig
Das Gegenteil ist richtig.
Eine barrierefreie Website spart Geld
- durch weniger Serverlast: Barrierefreie Websites kommen mit 50 Prozent weniger Code aus. Die Rechnung ist einfach: Wird der Code halbiert, halbieren sich gleichermaßen Serverlast und Betriebskosten.
- durch weniger Zeit zum Editieren: Layout- oder Designänderungen sind leichter und schneller möglich
- durch Zukunftsfähigkeit: Die Website läuft ohne Extra-Programmierung auf allen neuen Browsern und internetfähigen Endgeräten
Eine barrierefreie Website bringt Geld
- durch Publicity
- durch höheres Google-Ranking
- durch mehr und vor allem zufriedenere Besucher, die mehr klicken, mehr kaufen, öfter wieder kommen
Tania bestellt Hörspiele und Audioboks online. Bei Amazon ist der Einkauf für sie zwar sehr mühsam, weil Amazon nicht barrierefrei ist, aber immer noch besser als mit der U-Bahn und ihrem Blindenhund in die Stadt zu fahren und einen Verkäufer zu finden, der sich mit Hörspielen auskennt. Wenn Amazon.de leichter zugänglich wäre, würde Tania mehr bestellen.
Fazit
Zussammenfassend lässt sich festhalten:
- Accessibility ist nicht nur für Behinderte
- Accessibility spart Geld
- Accessibility macht Websites zukunftsfähig
- Accessibility erhöht die Usability
- Eine barrierefreie Website nimmt jeden User als Individuun ernst und kann mit Leichtigkeit durch die flexible Bauweise auf heterogene Bedürfnisse und Vorlieben eingehen.
Denkt man diese Vorteile zu Ende, lässt dies nur einen Schluss zu: Es gibt keinen Grund, keine barrierefreie Website zu bauen.
(Dieser Text ist eine verschriftlichte und erweiterte Version eines Vortrages, den wir im November 2004 auf der E-Business-Tagung “Die Qualität der Kommunikation & die Kommunikation von Qualität” der Universität Trier gehalten haben.)






