Usability, Webstandards und barrierefreies Internet

von Heike Edinger & Timo Wirth / 8. November 2003 /

Basistext zur Beziehung zwischen Usability, Webstandards und Barrierefreiheit.

  1. Das Internet der Zukunft: barrierefrei, plattformunabhängig und standardkonform
  2. Barrierefreiheit: gesetzliche Grundlagen
  3. Webstandards: Vom zugangsbeschränkten Dokument zur medienunabhängigen Botschaft für alle
  4. Accessibility + Webstandards = Usability
  5. ROI oder Vorsprung durch Webstandards

1. Das Internet der Zukunft: barrierefrei, plattformunabhängig und standardkonform

The power of the Web is in its universality. Access by everyone regardless of disability is an essential aspect.

- Tim Berners-Lee, Web-Erfinder und Direktor des W3C

Zweifellos hat das Internet bereits heute, 2003, einen direkten oder indirekten Einfluss auf unser alltägliches Leben. Doch wenn das Internet tatsächlich zu einem alltäglichen, universellen Medium werden will - ähnlich dem Fernseher -, muss es für jeden und von überall zugänglich sein. Diese Barrierefreiheit und Plattformunabhängigkeit voranzutreiben hat sich - auf der theoretischen Ebene - das W3C (http://www.w3c.org) zum Ziel gesetzt. Um mit dieser Entwicklung Schritt zu halten, müssen sich die Website-Betreiber umorientieren. Die Gründe:

a. Barrierefreiheit
d.h. der ungehinderte Zugang zum Internet für Menschen mit Sehschwächen, körperlichen Einschränkungen und Behinderungen, wird vom Staat gefordert und gefördert. In den USA ist die Barrierefreiheit seit 1998 im Gleichstellungsgesetz Section 508 gesetzlich verankert (http://www.section508.gov/). In Deutschland gibt es seit 2002 die so genannte “Barrierefreie Informationstechnikverordnung” (BITV - http://www.wob11.de/gesetze/bitv.html).
b. Plattformunabhängigkeit
d.h. der Zugang zum Internet losgelöst von PC und Modem (XHTML-fähige Handys, PDAs und Handhelds, internetfähige, sprachgesteuerte Navigationssysteme und vernetzte Spielkonsolen etc.), wird vom Markt vorangetrieben.

Beide Entwicklungen stellen hohe Anforderungen an die Gestaltung von Websites. Die Verantwortlichen sehen sich vor allem mit zwei Problemen konfrontiert. Zum einen erfordern neue mobile oder sprachgestützte Endgeräte neue, mediengerechte Navigationsinstrumente (medienspezifische Benutzerführung). Zum anderen muss die Website so gebaut sein, dass sie mit einer Vielzahl von Endgeräten abgerufen werden kann (medienunabhängige Codierung). Die vom W3C verabschiedeten Webstandards (XHTML und CSS) setzen genau hier an: Die Spezifikationen wurden mit Blick auf die Zukunft designt und geben den Web-Entwicklern Werkzeuge in die Hand, um sowohl das Usability- als auch das Coding-Problem zu lösen:

Wer sich beim Entwerfen und Erstellen von Websites an diese Standards hält, vereinfacht die Produktion und senkt die Kosten, während gleichzeitig Websites entstehen, die für mehr Menschen und mehr webfähige Endgeräte zugänglich sind.

(WaSP Mission Statement: http://www.webstandards.org/about/mission/de/).

Hinter den Bemühungen des W3C steht in erster Linie ein Gedanke: Unabhängig vom Endgerät und unabhängig von körperlichen Einschränkungen oder persönlicher Erfahrung des Nutzers, soll das Internet vor allem eins: Kommunikation und Interaktion erleichtern. Somit wird die einfache Bedienbarkeit zum zentralen Element.

Web Standards Project

“Das Web Standards Project ist eine unabhängige Bewegung, die für Standards kämpft, um einen einfachen, mühelosen Zugang zu Web-Technologien für alle sicherzustellen.”
(WaSP Mission Statement)

Standards & Weblogs

Vor allem in amerikanischen Weblogs werden derzeit Webstandards vorangetrieben. Die Weblogs basieren meist auf XHTML-konformen Content Management Systemen. Wegen des Technologievorteils können die Blogs mobil per Handy aktualisiert werden (Moblogs) und bieten standardmäßig einen XML-Newsfeed an (RSS).

Mit Hilfe der Richtlinien des W3C, welche im Sinne von Berners-Lee Inhalt und Präsentation trennen, kann Usability bereits im Quellcode beginnen. Doch die Gestaltung nach Webstandards führt per se noch nicht zu benutzerfreundlichen Websites. Wahrhaftig mühelose, barrierefreie Internet-Angebote, erfordern nicht nur eine regelgeleitete Bauweise, sondern auch praxisnahe Usability-Vorgaben.

Wenn der Online-Auftritt künftig nur noch ein Dokument für zahlreiche Anwendungen und Plattformen bereitstellt und das Dokument mit jedem Endgerät bestmöglich navigierbar sein soll, sind klare Usability-Richtlinien nötig. Mobile Endgeräte erfordern andere Navigationsinstrumente als sprachgesteuerte Endgeräte oder Desktop-Anwendungen. Somit müssen Websites der Zukunft “Inhalt und Funktionalität mediengerecht anbieten - abhängig vom Kontext der Präsentation, der je nach Bedürfnis und Fähigkeit der verschiedenen Browser und Endgeräte leicht variieren kann” (WaSP Mission Statement - http://www.webstandards.org/about/mission/de/).

Internet von heute

Mit der heute meistverbreiteten Web-Technologie HTML 4.01 Transitional sind solche medienunabhängigen Präsentationen nicht realisierbar. Obwohl die Richtlinien des W3C für eine neue, standardisierte Web-Technologie bereits seit 1999 vorliegen, gibt es nur ganz wenige Web-Entwickler, die den neuen Standard XHTML verwenden. 99,9% aller Websites sind veraltet (Zeldman 2003) - und somit schlicht nicht zukunftsfähig. Das Internet heute besteht aus unzähligen proprietären Anwendungen, die nur mit Hilfe von Plugins abgespielt werden können: Media Player Formate (Quicktime, Real, Windows Media etc.), Flash, JavaApplets etc. Fehlen diese Plugins, können die Inhalte nicht decodiert und abgerufen werden. Hinzu kommen fehlerhafte HTML-Tags, aufgeblasenes HTML und Detection-Scripte, mit denen die verschiedenen Browsergenerationen gefüttert werden (tag soup).

Vor allem kommerzielle Websites bestehen standardmäßig aus multiplen Versionen, die über Skriptweichen an die jeweiligen Browser(-Generationen) ausgeliefert werden. Finanziert sich die Website über Werbung, kommen Banner hinzu (Flash, DHTML, ActiveX, JavaApplet etc.), die von den Kreativagenturen meist aus Kostengründen nur für Internet Explorer optimiert sind. Für das korrekte Targeting sorgt das Adsystem - wiederum über Detection-Skripte. Die hieraus resultierenden langen Ladezeiten sind zur Normalität geworden. Im Hintergrund laufen unterdessen programmieraufwändige und serverbelastende Exportjobs, um alternative Plattformen oder Geräte zu bedienen (Wap, Handhelds, i-mode, T-Zones, Vodafone live, PDF, RSS).

Das bedeutet aus Usersicht:

  • Nervenzehrendes Warten, Script-Fehler, Browser-Probleme, Probleme mit Sicherheitseinstellungen.
  • Orientierungslosigkeit durch schlechte Usability (z.B. zu kleine Schrift, winzige Klickpunkte, Reizüberflutung).
  • Für Menschen mit Behinderungen sind die meisten Websites schwer bis gar nicht zugänglich. Sie sind nicht barrierefrei.

Das bedeutet aus Unternehmenssicht:

  • Jedes Kilobyte HTML-Code kostet Serverlast. Websites können bereits heute mit 50% und weniger Code gebaut werden. Die Rechnung ist einfach: Wird der Code halbiert, halbieren sich gleichermaßen Serverlast und Betriebskosten.
  • Jede Version, die eine bestimmte Plattform bedient, muss individuell programmiert und gewartet werden. Wer die Nutzer über verschiedene Kanäle erreichen will, muss in den Export investieren, d.h. die Inhalte müssen neu aufbereitet und Plattform-spezifisch ausgeliefert werden: Eine Version für Netscape, eine für Internet Explorer, eine für Mozilla, eine für PDA, eine für Drucker, eine für i-mode, eine für Wap, eine für Browser ohne Flash-Plugin etc. etc.

Eine Gestaltung nach Webstandards, Accessibility-Maßstäben und Usability-Regeln reduziert somit massiv die Betriebs- und Entwicklungskosten für einen Online-Auftritt und bringt durch erhöhte User-Zufriedenheit mehr Besucher, mehr Leser, mehr Community-Mitglieder, mehr Kunden, mehr Käufer.

Das Internet der Zukunft wird sein

  • standardkonform und regelgeleitet
  • barrierefrei
  • plattformunabhängig
  • benutzerfreundlich für alle

2. Barrierefreiheit: gesetzliche Grundlagen

Barrierefreie Websites sind in den Augen der meisten einfach nur nette Gesten. Mit der Barrierefreien Informationstechnikverordnung (BITV), die im Juli 2002 in Deutschland verabschiedet wurde, sind öffentliche Einrichtungen jedoch ab dem 31. Dezember 2005 gesetzlich verpflichtet, ihre Websites barrierefrei zu gestalten.
Die Verordnung zum “Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen” (BGG §11) entstand in Deutschland nach Vorbild der amerikanischen WAI (Web Acessibility Initiative) Richtlinien des W3C-Konsortiums. Noch haben nicht alle Bundesländer das Bundesrecht in Landesrecht umgewandelt. Über ein entsprechendes Gesetz verfügen bislang Berlin, Brandenburg, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein. In diesen Bundesländern müssen digitale Informationsangebote bis Ende 2005 so umgestaltet werden, dass sie von allen Menschen uneingeschränkt genutzt werden können. Das amerikanische Pendant zum BITV ist die so genannte “Section 508″ (http://www.section508.gov/) und trat im Juni 2001 in Kraft. Die Bestimmungen zur Barrierefreiheit im Web werden in Deutschland möglicherweise auch auf nicht-staatliche Bereiche ausgedehnt (z.B. E-Business).

In den USA haben bereits verschiedene staatliche Behörden, Bildungseinrichtungen oder gemeinnützige Institutionen Guidelines für barrierefreies Webdesign aufgestellt (etwa die University of Wisconsin-Madison). Doch selbst in den USA ist Accessibility noch lange kein Mainstream-Thema: “Accessibility is almost as poorly known now as it was 2.5 years ago.” (Joe Clark 2003).

Wer mit der Entwicklung und Beratung staatlicher oder kommerzieller Online-Angebote betreut ist, muss mit den technischen und gestalterischen Maßnahmen, die ein barrierefreier Auftritt verlangt, vertraut sein. Obwohl die meisten Website-Betreiber sensibilisiert sind und das Thema Accessibility von den meisten Verantwortlichen im Online-Bereich als besonders wichtig eingestuft wird (Studie Barrierefreies Internet in Österreich 2003), gibt es große Wissenslücken, was die technische Umsetzung anbelangt. Barrierefreiheit wird häufig völlig falsch bewertet: Zum einen wird der Nutzen eines barrierefreien Internetauftritt unterschätzt (nur für Blinde). Zum anderen werden die für die Umsetzung notwendigen Maßnahmen überschätzt (teuer und arbeitsaufwendig).

Barrierefreiheit wird häufig falsch umgesetzt

Wenn überhaupt gehandelt wird, dann werden beherzte Maßnahmen ergriffen (wie etwa die Verwendung von Alt-Texten), die - für sich allein genommen - viel zu kurz greifen. Barrierefreiheit bedeutet mehr als die korrekte, konsequente Verwendung von Alternativ-Texten oder das Generieren einer Nur-Text-Version in einem unattraktiven “low end” Design. So legitimieren oft Alt-Texte eine aufwändige, ladeintensive Gestaltung mit extensivem Einsatz von Bildern, Grafiken, Tabellen und Blind-Gifs. Solche Maßnahmen erzielen nur einen Bruchteil dessen, was man mit der neuen Web-Technologie nach XHTML/CSS-Standard erzielen kann. Nämlich eine Website durch wenige, leicht zu implementierende Features leichter und komfortabler zugänglich für alle zu machen. Vor allem Internetnutzer mit langsamen Rechnern und Modemverbindung profitieren von einer barrierefreien Website nach XHTML-Standard.

3. Webstandards: Vom zugangsbeschränkten Dokument zur medienunabhängigen Botschaft für alle

Das Image, welches barrierefreiem Webdesign anhaftet, ist immer noch das einer Art “Aktion Sorgenkind”-Webdesign. Die wenigsten Verantwortlichen wissen, dass Accessibility weit mehr ist als eine sozial erwünschte Handlung oder eine Blindenausgabe. Accessibility heißt, ein flexibles, formbares Informationsangebot bereitzustellen, um den individuellen Bedürfnissen und Vorlieben des Nutzers gerecht zu.

Die neuen Web-Technologien können mehr für das barrierefreie Internet leisten:

  • Multi-Media: aural, screen, print - ein Dokument für zahlreiche Medien
  • Benutzerdefinierte Auswahl von Schriften, Kontrasten, Farben
  • Navigationsmodule ohne Tabellen, Java-Scripte, Applets, Flash etc.
  • Fluid Design: Layout passt sich automatisch an das Ausgabemedium an
  • Feste Navigationsmodule, die nicht wegscrollen, ohne Frames
  • Unterscheidung zwischen Alt-Tags (Bild-Text, kein Mouseover) und Title-Tags (Link-Text als Mouseover)
  • Kontextspezifischer Mauszeiger
  • Access-Keys und Tab-Index zum Navigieren mit der Tastatur

Aber nicht nur in Bezug auf den Nutzen und den damit verbundenen Aufwand eines barrierefreien Online-Angebots, gibt es Vorurteile. Auch die Zielgruppe selbst wird oft falsch eingeschätzt. Menschen mit Behinderungen gelten als unbedeutende, marginale User ohne jeglichen Einfluss.

Eine anspruchsvolle, treue Zielgruppe

Menschen mit Behinderungen haben eine höhere Bindung an das Medium Internet als Nichtbehinderte: Sie nutzen das Internet doppelt so häufig wie Nichtbehinderte (Studie Universität Graz), sie erledigen alltägliche Besorgungen und Behördengänge per Internet oder informieren sich online. Die Hürden sind online niedriger als im real life. Das Internet ermöglicht Menschen mit Behinderungen im Idealfall einen unvergleichlich komfortablen Zugang zu Informationen, so wie ihn kein anderes Medium liefern kann (z.B. Schrift vergrößern, zoomen, vorlesen lassen). Dennoch bleiben die meisten Websites weit hinter diesem Potential zurück: Sie sind für einen Blinden genauso wenig zugänglich wie eine konventionelle gedruckte Zeitung.

Soziodemographische Struktur der Online-Nutzer (Media Perspektiven 1997, 2003)
Alter der Online-Nutzer 1997 2003
14-19 Jahre 7% 14 %
20-29 Jahre 31% 17 %
30-39 Jahre 35% 25 %
40-49 Jahre 18% 23 %
50-59 Jahre 8% 14 %
60 Jahre + 1% 7 %

Aber nicht nur Menschen mit Behinderungen benötigen Zugangshilfen, auch ältere Internetnutzer haben besondere Bedürfnisse. Internetangebote müssen so gestaltet sein, dass sie auf diese Bedürfnisse individuell antworten können. Besonderes Problem ist meist die Lesbarkeit. Schriften lassen sich auf vielen Websites durch den falschen Einsatz von CSS nicht mehr vergrößern und bleiben für Menschen mit Sehschwächen unlesbar. Die Zielgruppe ist jedoch alles andere marginal. Das Durchschnittsalter der Internetgemeinde steigt stetig.

Warum Accessibility mit Webstandards?

  • ermöglicht körperlich eingeschränkten Personen den Zugriff auf Informationen
  • in vielen Institutionen gesetzlich vorgeschrieben
  • Vorteile für alle Nutzer, da Websites insgesamt benutzerfreundlicher werden
  • Wird wegen des Überalterung der Bevölkerung und der Internet-Gemeinde (s. Projekte wie Senioren ins Netz) immer bedeutsamer: Prozentual ist die Gruppe der über 50-Jährigen die am schnellsten wachsende Nutzergruppe im Internet. In der Altersgruppe der über 50-Jährigen waren 2003 21 Prozent regelmäßige Internetnutzer (Media Perspektiven)
  • HTML-Struktur / -Code wird zukunftsfähig durch Gestaltung nach W3C-Standard (Plattformunabhängigkeit)

Auf welche individuellen Bedürfnisse müssen barrierefreie Informationsangebote antworten?

1. Beeinträchtigung des Sehvermögens
Klare Schriften, Vergrößerungen ermöglichen, starke Kontraste, verstehbar und navigierbar ohne Bilder (Text-Browser / Screen Reader)
2. Beeinträchtigung des Hörvermögens
Multimedia-Inhalte (Audio/ Video): Transskripte und Untertitel bereitstellen - Vorteil auch für Nicht-Muttersprachler und User ohne Sound
3. Beeinträchtigung des Bewegungsvermögens
Viele Computeruser, besonders Ältere und Anfänger haben Probleme mit der Maus. Viele Websites erfordern aber eine exakte Positionierung des Mauszeigers. Lösung: ausreichend große Klickpunkte schaffen und Navigation per Tastatur anbieten (Shortcuts).

Das Internet als digitale Botschaft oder Was genau sind jetzt eigentlich Webstandards?

  • Das Internet ist nicht für den Bildschirm bestimmt.
  • Das Internet ist nicht für den Drucker bestimmt.
  • Das Internet ist nicht für den Screenreader bestimmt.

Das Internet ist nicht an ein spezifisches Medium gekoppelt. Es ermöglicht in erster Linie den Austausch von strukturell markierten Dokumenten (Markup) - so war es zumindest einst von Web-Erfinder Tim Berners-Lee intendiert. Die Sprache des Internet, die Hypertext Markup Language, wurde jedoch mit der Zeit mehr und mehr zweckentfremdet. Überschriften wurden nicht mehr mit <h1> markiert, sondern mit <font> und Tabellen wurden nicht mehr mit Daten gefüllt, sondern mit unsichtbaren Abstandshaltern. Plötzlich war das Internet tatsächlich für den Bildschirm optimiert und HTML eine Layout-Technik. Websites wurden mit einer Technologie designt, die nie dafür gedacht war. Aus dieser Sackgasse hat das W3C die Entwickler herausgeholt. Die neuesten Webstandards begreifen das Internet in erster Linie als medienunabhängig. Das Internet ist zunächst nicht anderes als eine Vielzahl digitalisierter Botschaften, die über die unterschiedlichsten Endgeräte abgerufen werden können. Damit die digitalisierten Botschaften heute und in Zukunft decodiert werden können (mit welchen Geräten auch immer), müssen sie in eine standardisierte Form gebracht werden.

Heute (2003) ist das World Wide Web 14 Jahre alt und es stehen Standards zur Verfügung, die garantieren können, dass das Internet mit Bildschirm, Print, Handheld, Braille, Sprachausgabe, TV, Handy und den Endgeräten von morgen lesbar ist. Genutzt wird diese neue, standardisierte Web-Technologie derzeit jedoch noch kaum.

Webstandards verwenden, heißt für die Zukunft coden

Was macht die neue Web-Technologie nach XHTML/CSS-Standard so leistungsfähig? Die Botschaft, die über das Medium Internet verbreitet wird, ist so digitalisiert, dass sie in die verschiedensten Formate umgewandelt werden kann. Obwohl jedes internetfähige Endgerät einen andere Lesetechnik verwendet, kann der Code interpretiert und mediengerecht dargestellt werden. Kein Browser, keine Plattform wird ausgeschlossen. Künftige Browsergenerationen werden den Code genauso gut lesen können wie heutige.

Möglich gemacht wird diese Plattformunabhängigkeit durch die Trennung von Struktur und Design. Es ist somit eine Rückkehr zur ursprünglichen Idee von Tim Berners-Lee, eine Rückkehr zur Markup-Language.

Sobald die Inhalte in einer rohen Struktur vorliegen (XHTML), kann jedem Browser individuell ein mediengerechtes Layout (CSS) zugewiesen werden. In jedem Endgerät bekommen die digitalen Botschaften genau die Formatierung zugewiesen, die es darstellen kann. Die Inhalte, die über das WWW verbreitet werden, sind für jeden Endanwender zugänglich, egal welches Abrufgerät er verwendet.

Zentral war bei der Entwicklung des neuen Standards vor allem der Aspekt der Zukunftsfähigkeit:

Not only is it desirable to be able to use a resource on different devices at the same time, but a valuable resource should also be designed to survive future changes in technology.

(Bos, 2003)

Semantic Web

“The Semantic Web is the representation of data on the World Wide Web. It is an extension of the current web in which information is given well-defined meaning, better enabling computers and people to work in cooperation.” – Tim Berners-Lee, James Hendler, Ora Lassila, The Semantic Web, 2001 http://www.w3.org/2001/sw/

Der XHTML-Code enthält den Inhalt und definiert die Struktur des Dokuments in seiner reinsten Form. Dabei werden die einzelnen Bestandteile des Web-Dokuments nach ihrer Bedeutung markiert. Die Auszeichnungssprache XHTML wird daher auch als semantischer Code bezeichnet.

Eine Überschrift ist in einem XHTML-Dokument einfach eine Überschrift (<h1>), ein Absatz ist ein Absatz (<p>) eine Liste ist eine Liste (<li>) und ein Bild ist ein Bild (<img>). Durch die Konzentration auf die Auszeichnung von Bedeutung, ist XHTML-Code übersichtlich, schlank und leicht zu editieren.

Der Code übermittelt nur, aus welchen Bestandteilen die digitalen Botschaft besteht, nicht aber wie die Botschaft dargestellt werden soll. Ihre individuelle Ausformung erhält die digitale Botschaft erst durch ein zweites Dokument, das Stylesheet (CSS), welches medienspezifisch ausgeliefert wird. An Desktop-Computer wird beispielsweise ein mehrspaltiges Layout mit Bildschirm-freundlichen Fonts und einer vertikalen Navigationsleiste geschickt, an Handhelds wird ein einspaltiges Layout ausgeliefert mit kleinen Schriften und einer horizontalen Menüleiste, an Sprachbrowser wird nur Text (ggf. mit Betonungen) geschickt und an den Drucker eine Version, bei der Navigationsleiste und Bilder ausgeblendet sind und Links automatisch mit vollständiger URL angezeigt werden. One document serves all.

Das CSS übermittelt somit an jedes Endgerät die bestmögliche Formatierung - und das global. Eine Website, die aus 100 Einzelseiten besteht, wird über ein einziges CSS-Dokument gelayoutet. Dies führt nicht nur zu schnellen Ladezeiten auf Seiten der Nutzer (Schriften, Farben etc. werden nur einmal geladen und gecacht), sondern auch zu kurzen Entwicklungszeiten (Design-Änderungen im globalen Stylesheet wirken sich auf allen verknüpften Seiten aus).

Die Leistungsfähigkeit der Trennung von Struktur und Design illustriert perfekt das “Zen Garden”-Projekt (http://www.csszengarden.com/). Im Zusammenspiel XHTML - CSS entstehen immer neue Design-Varianten. Der Quellcode bleibt immer gleich - das Layout wird allein über das Style Sheet gesteuert: So steht die Navigation mal links, mal rechts, mal horizontal, mal vertikal. Auslagerungen werden ohne Tabellen erzielt.

Die saubere Trennung von Inhalt und Design ermöglicht nicht nur einen hohen Grad an Kompatibilität mit beliebigen Plattformen, sondern auch den barrierefreien Zugang für Menschen mit eingeschränkter Wahrnehmung oder Motorik. Der semantische Code garantiert beispielsweise, dass von einem Screenreader nur relevante Informationen vorgelesen werden - und keine unsichtbaren Tabellen und Bilder, die nur zu Designzwecken verwendet werden.

4. Accessibility + Webstandards = Usability

Accessibility ist in letzter Instanz eine Sache von Usability, denn Ziel ist eine schnellere, mühelose Handhabung des Internetangebots. Die Nutzer eines Online-Angebots interessieren sich für den darunterliegenden Quellcode nur bedingt. Was sie interessiert ist, was die Web-Technologie für sie in konkreten Situationen leisten kann. Durch die vom W3C festgelegten Webstandards lassen sich im Bereich der Usability relativ mühelos bedeutsame Verbesserungen erzielen, die mit herkömmlichen HTML-Seiten nur bedingt oder gar nicht realisierbar sind. Die Vorteile, die eine barrierefreie Website mit sich bringt, führen nicht nur bei Menschen mit Behinderungen zu einem positiven Internet-Erlebnis, sondern erhöhen die Usability für alle Nutzer.

Höherer Komfort für alle, nicht nur für Behinderte
Ein HTML-Dokument ist gleichermaßen sowohl für den Bildschirm als auch für den Drucker oder den Screenreader optimiert. Individuell können Schriftgröße, Farben und Kontraste je nach eigenen Vorlieben und Bedürfnissen ausgewählt werden (customized style sheets).
Bessere Struktur und klare Hierarchien
Durch optimierten, semantischen Code nach XHTML-Standard haben Websites wieder eine klare Struktur. Diese Struktur kann sowohl von Textbrowsers als auch von XML-fähigen Handys decodiert werden. Dank Webstandards basieren Websites nicht mehr auf starren, verschachtelten Tabellen. Mit unabhängigen Informationscontainern (div und span) kann sich die Form nun vollkommen an der Funktion orientieren.
Fluides Design
Durch prozentuale CSS-Angaben passt sich die Website automatisch der Fenstergröße des Ausgabemediums an.
Bedürfnisorientierte, effiziente Navigationssysteme
Navigationsleisten mit Mouse-over-Effekten lassen sich mit CSS gänzlich ohne Java-Scripte oder Flash umsetzen. Textbasierte Links können so attraktiv gestaltet werden, dass Grafiken oder Buttons kaum mehr nötig sind (Demo: skalierbare Karteireiter-Navigation http://www.alistapart.com/d/slidingdoors2/v1/ex9.html). Zudem können über Alt- und Title-Texte Informationen über das Linkziel übermittelt werden. Ohne Frames, die wegen zahlreicher Nachteile kaum mehr verwendet werden, können einzelne Navigationsbereiche fixiert werden, so dass sie nicht wegscrollen. Für User, die mit der Maus nicht so geübt sind oder sie nur eingeschränkt benutzen können, kann eine Access-Key-Navigation oder eine Tab-Index-Navigation angeboten werden, welche das Navigieren per Tastatureingabe ermöglicht.
Schnellere Ladezeit
Weniger HTML-Code, wenige JavaScripte, keine Blindgifs und Tabellenverschachtelungen lassen die Website um ein Vielfaches schneller laden.

5. ROI oder Vorsprung durch Webstandards

In den meisten Unternehmen gilt Accessibility derzeit als nice to have, als nette Geste ohne ROI. Daher sehen viele nicht die Notwendigkeit in eine barrierefreie Website zu investieren. Den wenigsten Verantwortlichen ist bewusst, dass sie durch einen standardkonformen Online-Auftritt einen echten Marktvorteil erzielen - von der höheren Reichweite über Kostenreduktion bis hin zur Zukunftsfähigkeit. Zusammenfassend lassen sich die Vorteile für Unternehmen wie folgt beschreiben:

Kostenreduktion durch weniger Serverlast
Ein nach den Richtlinien des W3C gestalteter Online-Auftritt zeichnet sich durch einen hochgradig effizienten Code aus (50% weniger Server-Requests sind üblich). Der Verzicht auf Browserweichen und Exportjobs reduziert die Serverlast ebenfalls um ein Vielfaches. So sinken die Betriebskosten für das Online-Angebot und bei gleichzeitig wachsenden Zugriffszahlen bedarf es geringeren Investitionen in Server-Hardware.
Geringer Editieraufwand
Durch die Trennung von Struktur und Layout vereinfacht sich die Pflege des Angebots immens. Sowohl Inhalt als auch Design kann mit wenig Aufwand verändert und ergänzt werden. Relaunches, die eine vollständige Überarbeitung des Designs erfordern, lassen sich in wenigen Schritten kosteneffizient umsetzen. Der Aufwand reduziert sich durch die semantische Struktur des Codes auf ein Minimum.
Plattformunabhängigkeit
Ein einziges Webangebot kann ohne zusätzlichen Aufwand multiple Medien und Endgeräte bedienen. (RSS-Feed, Printversion, PDA, Wap, i-mode, Screenreader, PDF etc.). Derzeit laufen bei den meisten Online-Angeboten programmieraufwändige, kostenintensive Background-Jobs, um den Inhalt auszulesen und in proprietäre Programmiersprache für andere Medien umzuwandeln.
Suchmaschinenoptimierung (SEO)
Google - der einflussreichste blinder Nutzer - kann XHTML-codierte Websites leichter indizieren, da sich diese durch sauberen Code auszeichnen. Das Google-Ranking und somit die Reichweite erhöht sich merklich: Online-Angebote, die sich an Webstandards halten, stehen somit in der Ergebnisliste weit oben.
Ausbau der Reichweite
Der Anteil der Personen, die spezielle Steuerungsinstrumente benötigen, um eine Website zu besuchen, ist höher als gemeinhin angenommen (Laut Jakob Nielsen sind in den USA 14 Prozent der Menschen unter 65 Jahren in irgendeiner Weise körperlich eingeschränkt. Bei der Gruppe über 65 Jahren sind es 50 Prozent). Durch die Überalterung der Gesellschaft steigt die Zahl stetig an. Auch für Interneteinsteiger bieten barrierefreie Websites durch navigationsunterstützende Features hohen Komfort. Diese anspruchsvollen Zielgruppen werden durch ein barrierefreies Angebot explizit angesprochen. Das Ergebnis: Mehr Kunden, mehr Leser, mehr Käufer.
User- und Kundenzufriedenheit
Die Barrierefreiheit erlaubt einen mühelosen Zugang zu den online bereitgestellten Informationen und Services. Durch eine bequeme Bedienung, klare Struktur und schnelle Ladezeit wird die User-Bindung intensiviert. Nach Webstandards gecodete Online-Auftritte antworten konkret auf individuelle Bedürfnisse der Nutzer: Dank benutzerdefinierter Stylesheets kann die Schrift vergrößert und verkleinert werden, Bilder oder Navigationsleisten können ein- und ausgeblendet werden. Das positive Erlebnis im Umgang mit der Website führt somit dazu, dass die User länger verweilen, mehr klicken und gerne zum Webangebot zurückkehren. Insbesondere Menschen mit Behinderungen oder speziellen Bedürfnissen und ältere Internetnutzer sind eine ausgesprochen treue Userschaft.
Zuverlässigkeit und Vertrauen
Barrierefreie und Webstandards-kompatible Websites sind in hohem Maße zuverlässig: Sie laden schnell auf allen Browsern und in allen internetfähigen Endgeräten. Auch stürzen W3C-validierte barrierefreie Online-Dokumente äußerst selten ab und verursachen so gut wie keine Ladefehler. Durch den Komfort, die Verlässlichkeit und den individuellen Service wird Vertrauen aufgebaut, welches sich auf das Unternehmen überträgt.
Zukunftsfähigkeit
Das Internet befindet sich im Wandel: Desktop-Browser werden immer weniger das Internet bestimmen. Künftig werden XML-Handys, sprachgestützte Auto-Navigationssysteme und andere ortsungebundene, drahtlose Ausgabemedien den Markt dominieren. Ein barrierefreies Informationsangebot ermöglicht es Unternehmen, auf diese Marktentwicklung zu antworten. Eine nach XHTML-Standard gestaltete Website ist nicht an ein spezifisches Ausgabegerät gebunden. Die Nutzer können die Site beispielsweise mit einem RSS-Newsreader abrufen oder einem PDA, Smartphone, Screenreader etc. Die Website ist hochgradig aufwärtskompatibel, d.h. sie funktioniert in heutigen Browsern genauso wie in zukünftigen Browsergenerationen.
Imagegewinn
Unternehmen, die eine Vorreiterrolle im Bereich Barrierefreiheit und Webstandards einnehmen, verschaffen sich nicht nur durch Kostenreduktion und Zukunftsfähigkeit einen Marktvorteil, sondern auch durch Imagegewinn. Ein barrierefreier Internet-Auftritt zeigt deutlich die Bereitschaft, soziale Verantwortung zu übernehmen und zieht so ein hohes Maß an sozialer Anerkennung nach sich. Der Best Practice Online-Auftritt kann im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit entsprechend kommuniziert werden.

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